Fruchtbarer Boden
blogging from SHANGHAI, CHINA
Mit 428km/h in die Stadt der Ideen: Shanghai, seit gut 4 Jahren in aller Munde, zieht vieles an, jedoch nicht nur Investitionen, Expatriats und Rohstoffe. Nein, auch viele Ideen landen hier, die anderswo aus verschiedenen Gründen keinen fruchtbaren Boden finden.
Es brummt und rüttelt. Ich blogge gerade aus dem Maglev Train, alias Transrapid, und rase in die Weltstadt Shanghai. Als 2003 der Maglev eingeweiht wurde, war ich bei einigen Testfahrten dabei. Die Idee war, den gut eine Stunde entfernten Flughafen der Stadt näher zu bringen. Es gab nur ein paar Fahrten pro Tag. Deutsche Ingenieure sassen hinter dem Steuerpult. Einer erklärte mir das System. Heute braust der Zug alle zehn Minuten zwischen Pu Dong Airport und Stadtrand hin und her. Eine Chinesin mit hübschem Kleid sitzt im Führerstand. Sie schminkt sich (im Ernst) und beobachtet die Anzeigen, so scheint es. Ein mulmiges Gefühl kommt über mich. Es sagt mir jedoch auch, wie ausgereift die Technologie ist, nicht? Naja, sei’s drum. Ich geniesse die Fahrt. Sie dauert 8 Minuten.
Dieselbe Idee gibt es schon länger in Deutschland. Einst als Grossprojekt initiiert, existiert die Idee nun auch in Bayern, den Flughafen näher an die Metropole München zu bringen. Das Grossprojekt kam in Deutschland trotz vorhandener Technologie, staatlicher Förderung und annähernd gleichen Kosten zum Konkurrenzmodell ICE nicht zustande. In China jedoch schon. Mit Verweis auf meinen letzten Blogeintrag Kleine Idee Grosse Wirkung lief es diesmal in die entgegengesetzte Richtung. In beiden Ländern wären alle benötigten Gegebenheiten vorhanden gewesen (und sind es stets noch): Idee, Technologie, Kapital und der Zeitpunkt.
In einem Land, welches noch immer sehr stark auf Schiene und Kohle setzt, wurde die Idee jedoch - weit ab des Erfinders - zum Leben gebracht. Natürlich hat dies sehr stark mit den Entscheidungsstrukturen und Einsprachemöglichkeiten in den jeweiligen Ländern zu tun. Einer entscheidet in China, es geschieht. Einer widerspricht in Europa, es verfliegt. Damit sei zwar gesagt, dass in Deutschland der Widerstand existiert. Die Akzeptanz gegenüber des technologischen Fortschritts ist jedoch genauso existent wie in China. Hier wird für einerseits für das Land, Prestige und für die Masse entschieden, die sowohl hinter der Technologie, wie auch hinter der Umsetzung steht. Dies hat den Boden für diese Idee fruchtbar gemacht.
Grundsätzlich ist der Boden überall fruchtbar. Es braucht jedoch dazu Mechanismen, welche die Ideen nicht im Keim ersticken. Seien es rechtliche Grundlagen, Entscheidungs- oder Einsprachemöglichkeiten oder allein Macht. Macht für einen Einzelnen oder für die Masse. Dies kann kleinen, wie grossen Ideen zum Verhängnis werden. Beispiel Formel 1: in der Schweiz seit Jahrzehnten kein Thema. Sei einmal nur die gesetztliche Grundlage erwägt, schiessen Parteien, Medien und Masse dagegen. In Singapur verhandelt ein Komitee mit der FIA über die Durchführung, es wird publik gemacht und als notwendige Tourismusattraktion für den Stadtstaat gepriesen. Ein Nachtrennen ist geplant, denn dann wird der Verkehr nicht allzusehr behindert und die Zuschauer (= Toursisten) in Europa können bequem zur humanen Uhrzeit in den Sofas liegen. Zeit von Idee bis zur Realisierung: knapp eineinhalb Jahre.
Die Testphase des Maglev ist rum und man diskutiert seit langer Zeit, ob und wie der Maglev weiter in China eingesetzt werden kann. Wird Deutschland dies zu seinen Gunsten nutzen? Kann das Wissen, das generiert wurde, zurück transferiert werden? Wenn ja, Glück gehabt. Wenn nein, auch etwas gelernt. Hier in Shanghai fand eine grosse Idee schneller die Mineralstoffe, die sie brauchte.



