Kleine Idee, grosse Wirkung

02.01.2008 – 17:27 by Rico Wyder

blogging from GUANGZHOU, CHINA

Seit vielen tausend Jahren, produzieren wir Ideen. Wir gingen zuerst auf vier, dann auf zwei Beinen, begannen Tiere zu züchten, bauten Häuser, konstruierten Schiffe und schon blogge ich hier auf einer Website. Wer kam auf die Idee, Werkzeug zu benutzen? Warum war es gerade Gutenberg, der den Buchdruck populär machte? Der Ideen Zeit kommt meist ungeahnt, doch ist diese entscheidend für deren Kraft.

Irgendwann vor einiger Zeit in Afrika, entschieden wir uns plötzlich einen anderen Weg als unsere Verwandten zu gehen. Eine/r erhob sich, um sich von da an nur noch auf zwei Beinen fortzubewegen. Doch warum gerade sie/er? Dieser Entscheid und die Durchsetzung dieser Technik hatten bei allen Artgenossen immens viele Änderungen mit sich gebracht. Man sollte sich jedoch nicht zu sehr auf die Person konzentrieren, welche die Idee gehabt hatte, sondern vielmehr auf den Zeitpunkt, wann die Idee gegriffen hat. Mit Sicherheit hatten sich vorher bereits einige mit der Idee herumgeplagt, die Vorderbeine für viele andere Aktivitäten zu benützen. Da sich der Körper des Wirbeltiers aber nur langsam entwickelt hat, kam der richtige Zeitpunkt erst später. Doch als er da war, veränderte er nicht nur die Welt der Lebenden, sondern auch die Zunkuft aller, die noch folgen sollten.

Nichts auf der Welt ist so kraftvoll
wie eine Idee deren Zeit gekommen ist.”

Victor Hugo

Für viele Menschen heutzutage sind menschliche Errungenschaften selbstverständlich. Dies sollten sie auch sein. Wissen ist kopierbar und darauf bauen wir auf, auch wenn unsere Vorfahren hart daran gearbeitet haben. Diese wiederum konnten sich aber auf den Ideen ihrer Vorfahren abstützen. Die Menschheit gibt ihr Wissen und Unwissen stets weiter. Die Nachfolger bauen darauf unermüdlich auf. Die Beweggründe, weshalb der Mensch nach Neuem, Unentdecktem oder Verdecktem sucht, überlasse ich an dieser Stelle Psychologen, Soziologen, Theologen und Philosophen. Nehmen wir einfach einmal an, es sei reiner Zufall, dass der Mensch über Neues stolpert. So können alle seine Mitmenschen und Nachfahren davon profitieren (in einige Fällen mir Sicherheit auch Schaden nehmen). Wir entwickeln uns weiter, langsam Schritt für Schritt. Die Fortentwicklung der Menschheit ist garantiert. Dennoch, sie ist nicht stetig, sondern ruckartig, kaum voraussehbar. Denn mit der Idee allein ist es nicht getan. Auch nicht mit deren Umsetzung. Als Dritter und wichtigster Faktor für die nachhaltige Verbreitung ist der richtige Zeitpunkt, wenn alle Voraussetzungen dafür stimmen. Wann hätte die Physik die Schwerkraft entdeckt, wäre Newton nicht angeblich einen Apfel auf den Kopf gefallen? Wäre die industrielle Revolution auch anderswo in Gang gekommen als in England? Hätten sich Marx Ideen durchgesetzt ohne den Ersten Weltkrieg und die Chance der Stunde für Wladimir Iljitsch Uljanow alias Lenin?

Nehmen wir dafür das altbekannte Beispiel des Buchdrucks: bereits im Jahre 932 n.d.Z. wurde in China in einem Bericht an den Kaiser die Idee herangetragen, alte Schriften durch ein Blockdruckverfahren länger erhalten zu können. Innerhalb der nächsten 20 Jahre wurde ein Grossteil der bestehenden Literatur gedruckt. Ein markantes Details zwischen der Chinesischen Technologie und der Drucktechnik Gutenbergs: Die Platten bestanden nicht aus beweglichen, also austauschbaren Lettern, sondern aus ganzseitigen Holzschnitzen. Viele Anläufe scheiterten, die riesige Anzahl Chinesischer Schriftzeichen austauschbar und mit geringem Aufwand auf eine Druckplatte zu bringen. Im benachbarten Korea kam der Buchdruck mit beweglichen Lettern viel schneller voran. König Sejong wollte 1403 Gesetze und Wissen im Volk verbreiten und übernahm deshalb grosszügig die Kosten für Entwicklung und Umsetzung der Produktion von Kupferlettern. Die koreanische Sprache erlaubt es dank einer begrenzten Anzahl von Zeichen, einzelne Letter zu produzieren. Trotz der Tatsache, dass die Technologie gefördert wurde und dass es sich technologisch um dasselbe Prinzip wie in Europa gehalndelt hat, wird der Buchdruck in Asien nicht als herausragende Idee betrachtet. In Europa jedoch schon. Die Kombination von Metall-Lettern, fetthaltiger Tusche und einer Druckerpresse leiteten die dritte Medienrevolution ein, denn der Buchdruck ermöglichte die exakte Reproduktion von Wissen: schnell, billig und in grossen Mengen. Und dies wurde von Wirtschaft und Gesellschaft erfreut begrüsst und breit umgesetzt. Bald gehörten Druckerzeugnisse zum Alltag. Die Autorschaft bekam zudem an Bedeutung. Im Mittelpunkt stand, wer was gesagt bzw. geschrieben hatte. Dank dem Buchdruck konnten sich in Europa Bildung, Humanismus und Reformation schnell verbreiten. Genau zu dieser Zeit war gesellschaftlich sehr viel in Gang getreten und der Buchdruck half als Katalysator.

Die Macht der Stunde verleiht Ideen Kraft, nicht die Idee und nicht deren Umsetzung. Wir können Ideen schaffen, deren Durchbruch aber nicht erzwingen. So sind viele grosse Ideen kaum voraussehbar. Wenn jedoch alles stimmt, erhält die Idee Flügel, so dass wir ganz nach Star-Trek Manier in Gebiete vorstossen können, die noch nie ein Mensch zuvor gesehen hat.

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